Wie aufregend das alles ist! Während ich auf einem Sitzsack am Strand von Gili Trawangan sitze und der Livemusik lausche, buche ich mein Ticket nach Sorong. Sorong – ich kenn bisher nur Sarong (der balinesische Rock). Flugladen.de wohl auch nicht, er gibt unter SOQ (dem richtigen Kürzel) nämlich einen Flughafen an, den es seit Jahren nichtmehr gibt. Kurz bei einem Pilotenfreund abgesichert – wo SOQ draufsteht, muss auch SOQ drin sein. Zack – und gebucht! Es geht nach Papua! Aber halt, wo ist das eigentlich?

Westneuguinea ist der indonesische Teil Neuguineas und gliedert sich in Papua und Papua Barat. Bevölkert wird der Part von Papuas und Malaien, es kommen 8 Einwohner auf den km². Auch ist es hier gerade der Schauplatz des Papuakonflikts: Das damals niederländisch-neuguineäische Westguinea wurde 1969 durch Stimmfälschungen im Staat Indonesien eingegliedert – gegen den Willen der indigenen Papua. Indonesien besetzt die rohstoffreiche Insel mit rund 25.000 Soldaten und Polizisten – auf der anderen Seite steht eine Armee mit ca. 1000 Widerstandskämpfern, die größtenteils noch mit Pfeil und Bogen der indonesischen Armee gegenübertritt. Amnesty International spricht immer wieder über Menschenrechtsverletzungen seitens Indonesien.

Klingt grauenvoll, ist es sicher auch. Aber ich fühl mich nicht unsicher. Ganz im Gegenteil. Aber zuerst ging es von Bali nach Makassar, wo wir eine Nacht im wundervollen Alhassa Hotel verbracht haben. Abends angekommen konnten wir den Blick aus dem 19.ten Stock genießen und am nächsten Morgen noch etwas Sightseeing betreiben, bevor der Flug ging. Und da war auch schon das erste Abenteuer: Am ganzen Flughafen waren wir die einzigen Touristen! Der Flughafen war nicht klein, ca. 700 – 1000 Leute schauen uns an wie Aliens. Manche versuchen unauffällig Fotos zu machen. Andere trauen sich und fragen nach einem Selfie. Als ich in der Sicherheitskontrolle mein Messer im Handgepäck habe, schickt man mich zurück, man könnte es sicher noch in das abgegebene normale Gepäck packen. Ich wundere mich – und mache das, am Schalter wird nur gelacht. Als unser Flieger nach Sorong startet, sind wir 5 Fluggäste in einer Maschine mit 52 Reihen und einer der Fluglotsen winkt uns, bis ich ihn nicht mehr sehen kann.

Angekommen in Sorong wird schnell klar, dass wir hier ein Highlight sind. 4 Koffer sind auf dem Gepäckband – zwei sind unsere Backpacks. Taxifahrer schlagen sich um uns, jeder will die einzigen Touristen abgreifen. Wir verhandeln für einen guten Deal und erreichen in Kürze unsere Gastfamilie im Homestay Peringau Kofiyau.

Und was jetzt folgt, bleibt für mich immer noch unbegreiflich: Wir laufen durch die Straßen, um die Gegend zu erkunden, und sind klar die einzigen Touristen seit langem. Jedes Auto hupt, jedes zweite bleibt stehen. Jeder Passant gibt uns seine Hand, jeder will ein Foto. Wir kommen kaum einen Meter. Roller fahren in Schrittgeschwindigkeit neben uns, damit man uns anschauen kann. Die Jungs sagen: „I love you“ und das bleibt auch das einzige an englischer Konversation. Es kommen Kinder, Frauen, Männer, Omas und Opas. Uns werden die Hände geschüttelt, auf die Schulter geklopft und ganz viel gelacht. Wir sind überfordert, jedoch keinesfalls verängstigt. Alle sind unglaublich freundlich und es scheint, dass unsere pure Anwesenheit die Menschen erfreut. Wie schön ist das bitte? Sowas hab ich noch nie erlebt.

Aber das herzerwärmendste kommt in unserem Homestay. Nach einer kurzen Verschnaufspause setzen wir uns zu den Kindern in den Garten – und binnen weniger Minuten kommt die gesamte Nachbarschaft. Mädls, die schüchtern hinter Bäumen hervorschauen, Kindern allen Alters und jeglicher Religion. Hier leben Christen und Muslime Haus an Haus. Auch die Kirche ist nur wenige Meter neben der Moschee.

Sightseeingstechnisch gibt es in Sorong nicht viel zu sehen. Der Strand und jeglicher Fluss ist voller Müll, die Menschen hier realisieren nicht, dass dies tatsächlich ein Problem darstellen könnte. Hier muss definitiv Aufklärungsarbeit geleistet werden. Was kann man hier also tun, wo es so gar nichts zu tun gibt? Die Antwort lautet UNO. Mit Google Translate übersetzen wir den Kids aus dem Dorf die Regeln und spielen den ganzen Abend UNO. Am nächsten Morgen wachen wir auf und die Hälfte der Nachbarschaft wartet schon vor der Tür. „Uno, Uno, Uno!“ 😀 Ich verschenke meine letzten Mitbringsel aus Deutschland: München-Anhänger und Schloss Neuschwanstein Handtücher für den Gewinner. Die Preise sind heißbegehrt und Haarbänder mit dem Schriftzug „München“ werden stolz um die kleinen Handgelenke getragen.

Am vorherigen Abend habe ich die Kids auf jeweils einer Unokarte unterschreiben lassen: mit Name, Datum und Ort. Das mache ich mit jedem, mit dem ich spiele, als Erinnerung sozusagen. Am nächsten Tag gibt mir einer der Jungs eine selbstgebastelte Karte mit handschriftlich „UNO“ drauf – ich soll auch unterschreiben, weil er will auch eine Karte von mir. ♥

Ich fühle mich glücklich, dass ich zwei tolle Tage hier verbringen durfte. Ich meine, jeder ist nett in Indonesien, aber hier ist es anders. Es ist so ursprünglich. Hier gibt es keine englischen Schilder, in zwei Tagen haben wir keine anderen Touristen gesehen. 143 Fotos später glauben wir, dass jetzt die ganze Nachbarschaft wissen muss, wer wir sind. An der selben Stelle fühle ich mich nachdenklich, weil klar ist, dass mein Leben zuhause auf keinen Fall so weitergehen kann. Wir beschäftigen uns mit Quatsch zuhause, der einfach nicht relevant ist. Wir haben Probleme, die keine sind. Wir haben alles, beschweren uns aber als hätten wir nichts. Sorong war definitiv eine der wertvollsten Erfahrungen bisher.

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